Lange her, aber zeitlos gut Die Essais von Michel de Montaigne

Buchdeckel Essais von Michel de Montaigne

(Quelle: Die Andere Bibliothek)

Im Jahr 1998 habe ich mir etwas Schönes gegönnt. Die Essais von Michel de Montaigne besaß ich schon früher, in einer einfachen Ausgabe. Aber als 1998 in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ die erste moderne Gesamtübersetzung, zusammengestellt von Hans Stilett, erschien, habe ich mir diese gekauft (einmal wegen der ersten modernen Gesamtübersetzung und weil das Buch in Format und Ausstattung etwas besonderes ist). Ein stattliches Buch, mittlerweile in der 9. Auflage.

Abbildung Michel de Montaigne

(Quelle: Wikimedia Commons)

Michel de Montaigne schrieb in „An den Leser“:

„Dieses Buch, Leser, gibt redliche Rechenschaft. Sei gleich am Anfang gewarnt, daß ich mir damit kein anderes Ziel als ein rein häusliches und privates gesetzt habe. Auf deinen Nutzen war mein Sinn hierbei ebensowenig gerichtet wie auf meinen Ruhm – für beides reichen meine Kräfte nicht aus.“

Nichtsdestotrotz hat er beides damit erreicht. Vor mehr als 400 Jahren geschrieben, sind diese Essais nach wie vor ein Lesevergnügen und ich kann sagen, dass ich durchaus Nutzen daraus ziehe. Immer mal wieder nehme ich es zur Hand, lese einige Abschnitte.
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Ist das alles mein Leben? Was ist originär meins?

Traktor beim Pflügen

Zeitlich gesehen, findet mein Leben zwischen meiner Geburt und meinem Tod statt (die pränatale Zeit und eine mögliche Existenzweise post mortem lasse ich mal unberücksichtigt). Während dieser Zeitspanne lebe ich mein Leben.
Ich esse, trinke, schlafe, gehe einer Beschäfting zwecks Gelderwerb nach, lese, reise, mache Urlaub, treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino oder Theater, wandere, fahre Rad usw. und so fort. Alles dies ist mein Leben. „Lebe dein Leben!“ heißt es in der Werbung oder in sog. Lebensratgebern. Aber was ist „mein Leben“? Ist es all das, was ich in der Eingangs angesprochenen Zeitspanne mache, was mir während dieser Zeitspanne passiert?

Die durchschnittliche Fernsehdauer lag im Jahr 2017 laut der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) bei 221 Minuten pro Tag; für die Internetnutzung weist eine Studie aus: die durchschnittliche Nutzungsdauer beträgt 149 Minuten täglich; dazu kommt noch die Computernutzung ohne gleichzeitige Internetnutzung. Den Hörfunk nutzen wir 181 Minuten pro Tag. Die durchschnittliche Lesezeit in Deutschland liegt bei fast vier Stunden pro Woche. Dazu kommen ca. 8 Std. Arbeit, zuzüglich Fahrzeit zum Arbeitsplatz, Zeit für Einkauf. Es gibt Überschneidungen: während der Fahrt zu und von der Arbeitstelle nutzen wir Smart phone und Laptop oder Lesen oder hören Radio. Wir betreiben Körperpflege, Schlafen mehrere Stunden.

Was von dem Allen ist „mein Leben“, mein ganz „eigenes Leben“, das, „was mich ausmacht“? Betrachtet man Alterskohorten, scheint das Leben innerhalb dieser Kohorten ziemlich uniform zu sein. Aber jeder lebt „sein Leben“, das sich anscheinend nur in Nuancen von den anderen Alterskohortenangehörigen unterscheidet. Ist „mein Leben“ garnicht so sehr anders, als „das Leben der Anderen“?
Damit ist für mich keine Wertung verbunden. Der Mensch ist anscheinend doch ein Herdentier, was auch nicht wertend gemeint ist, nur eine Feststellung. Das, was „mein Leben“ ausmacht – findet das in mir statt, in meinem Kopf, meinen Gefühlen?

Elbdampfer

(Lesetipp: W. Somerset Maugham, Auf Messers Schneide; Diogenes Verlag)

Der zarte Schmelz der Kindheit Augen zu und schwelgen

Schokoladenregal
Hätte ich in der Kindheit einen Laden betreten, in dem Schokolade in solchen Massen angeboten wurde, ich hätte mich im Paradies gewähnt! Schokolade ist (ich kann es mir nicht anders vorstellen) für jedes Kind etwas Besonderes. Der Duft, das cremige Schmelzen im Mund (deshalb nie kauen!) und der lange Nachgeschmack! Ein kleines Karree – oder noch besser – ein Streifen der Tafel und ich war glücklich.

Auch heute noch ist Schokolade etwas Besonderes für mich; am liebsten bittere Schokolade, auch mit Gewürzen oder passenden Füllungen, nichts cremiges, süßes oder zu fruchtiges. Nicht so häufig, aber dann etwas Gutes. Ich glaube, jetzt ist Schokoladenzeit!

(Die Fotos habe ich vor Jahren auf dem Wiener Naschmarkt gemacht, in einem Laden, bei Kunstlicht, ohne Blitzunterstützung.)

Straßenlaterne
Dämmerung, Grauen, Laternenlicht Anmerkungen zum Übergangslicht

Besonderer Zeitraum des Tages, wenn es nicht mehr Tag ist, aber noch nicht Nacht oder nicht mehr Nacht, aber noch nicht Tag. Zeichen dafür, das etwas endet oder beginnt. Es dämmert, sagt man. Im übertragenen Sinne: „mir dämmert“.

Die Dämmerung ist vielgestaltig:

  • Morgendämmerung (vor Sonnenaufgang) – dem morgendlichen Übergang von der Dunkelheit der Nacht zur Helligkeit des Tages; und
  • Abenddämmerung (nach Sonnenuntergang) – dem abendlichen Übergang vom Licht des Tages zur Dunkelheit der Nacht.

Im Dämmerungsverlauf lassen sich drei aufeinanderfolgende Phasen unterscheiden und danach abgrenzen, wie tief die Sonne unter dem Horizont steht (Sonnenstand unter dem Horizont angegeben als Tiefenwinkel der Sonnenscheibenmitte), so abendlich:

  • bürgerliche Dämmerung – Lesen im Freien möglich (Tiefenwinkel bis 6 Grad)
  • nautische Dämmerung – Horizont (Kimmlinie) noch/schon erkennbar und schon/noch einige Sterne sichtbar und anhand derer die Möglichkeit zur nautischen Navigation (Tiefenwinkel bis 12 Grad)
  • astronomische Dämmerung – bis zur maximalen Dunkelheit tiefer Nacht (Tiefenwinkel bis 18 Grad)

(Quelle: Wikipedia)

Wenn ich demnächst im Sommer auf der Terrasse sitze und lese (was ich sehr gerne mache) und meine Frau mir zuruft: „Das ist doch viel zu dunkel zum Lesen!“, werde ich zurück rufen: „Das ist die bürgerliche Dämmerung und da ist Lesen im Freien möglich!“ Mir gefällt „bürgerliche Dämmerung“!

Es gibt die Morgendämmerung und die Abenddämmerung, aber es gibt anscheinend nur das Morgengrauen und kein Abendgrauen (zumindest konnte ich dieses Wort nicht in einschlägigen Wörterbüchern oder bei Wikipedia finden; lediglich als Buchtitel taucht es mal auf). „Wir treffen uns im Morgengrauen.“, aber nicht „Wir treffen uns im Abendgrauen“.

Der Fotograf sucht in der Dämmerung die vielgerühmte Blaue Stunde, um Fotografien mit besonderer Lichtstimmung zu machen. Die Zeit der bürgerlichen Dämmerung (und kurz danach) scheint ein passender Zeitraum zu sein. Die Blaue Stunde dauert nicht immer eine Stunde, sie ist mal kürzer und in manchen Regionen zu bestimmten Jahreszeiten deutlich länger.

In Verbindung mit den zur Dämmerung vorhandenen künstlichen Lichtquellen kommt es zum Zwielicht. Dem Licht der Blauen Stunde fügen die künstlichen Lichtquellen besondere Akzente hinzu. Straßenlaternen mit ihrem Licht schaffen begrenzte Räume im Halbdunkel und es entstehen damit Bildsituationen, die wir im Gedanken ausfüllen.
Das Licht der Morgendämmerung und Abenddämmerung empfinde ich unterschiedlich, auch das Licht der Straßenlaternen hat in meinen Augen in der Morgendämmerung eine andere Wirkung, als in der Abenddämmerung. Ob das physikalisch zu erklären ist oder auf psychischen Gegebenheiten beruht, weiss ich nicht; vielleicht wirken beide.

Kirchturmuhr
Das Leben leben Was war, was weiss ich noch, was ist das Resultat?

Vor kurzem habe ich mal wieder das Buch „Ein Tag im Jahr“ von Christa Wolf zur Hand genommen. Immer wieder mal lese ich darin. Von 1960 bis 2000 wird ein Tag im Jahr, immer der 27.09., beschrieben (die Fortsetzung: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011).

Buchcover "Ein Tag im Jahr"

Beginnend mit dem Jahr 1960 und endend mit 2000 hält sie in sieben bis dreissig Seiten umfassenden Eintragungen ihren 27. 9. fest: Aufwachen, frühstücken, schreiben. Was sie denkt, was sie tut, was sie umtreibt. Wie’s den Kindern, Enkelkindern und der Eheliebe geht. Wie’s ums Land steht und um die Welt, ums Fernsehen und die Presse. Privates mischt sich mit Politischem, Träume treffen auf die Literatur, Alltagskram auf selten schöne Natur- und Wetterbilder, Leichtes auf Schweres, Belangloses auf Existenzielles. 41-mal beschreibt Christa Wolf, was an einem Tag ihr zufiel – und natürlich wurde aus der Folge dieser Zufälle eine allen Zufall übersteigende andere Art der Autobiografie.

(aus: NZZ)

Christa Wolf schreibt dazu im einleitenden Text:

„Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitg entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher mikroskopischen Zeit-Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht ertappen kann.“ (Christa Wolf, Ein Tag im Jahr 1960 – 2000, Luchterhand 2003, S.5, ISBN 3-630-87149-6).

Ich lese ein Buch, fahre mit dem Fahrrad durch die Gegend, esse etwas, rufe einen Freund an, gehe auf Toilette, gehe mit meiner Frau spazieren, arbeite 8 Stunden – diese 8 Stunden unterteilen sich in viele kleine Erlebnisse -, sehe Fern, höre Radio, schlafe, liege wach im Bett, gehe in den Garten und schneide und zupfe an der ein oder anderen Pflanze, gehe Schwimmen, schreibe einen Brief oder eine EMail, gehe ins Kino, fahre in Urlaub und mache dort …., und so weiter und so fort. Alles verbraucht meine Lebenszeit, das Wenigste davon ist geplant, bewußt auf ein erfülltes Leben ausgerichtet. Welche dieser unendlich vielen Ereignisse bleiben im Gedächtnis und führen letztlich zu dem Ergebnis, dass mein Leben ein gutes war? Fotos helfen bei der Erinnerung, auch Musik und Gerüche, alte Kleidungstücke, sofern sie nicht in die Kleidersammlung gegangen sind. Die meisten dieser Lebensmomente sind aber weg, verschwunden mit der Zeit. Sie müssen aber auch nicht alle erinnerbar sein.
Alles genau aufschreiben ist auch keine Lösung, denn dann macht das Aufschreiben irgendwann den Hauptteil des Lebens aus. Unser Gedächtnis selektiert, und jedes auf seine Weise. Und so kommt es, das selbst gemeinsam gelebte Leben in der Erinnerung unterschiedlich bewahrt werden.
Sollte man Momente des Lebens als Wegmarken festhalten, als ‚Meilensteine‘ – aber ist die Bewertung in diesem Moment haltbar und stellen sich möglicherweise später ganz andere Momente als wesentlich heraus, Momente, die ich garnicht als so besonders markiert habe? So wird u.U. der einstmals als „Der schönste Tag in meinem Leben“ apostrophierte Tag irgendwann zum „Schwärzesten Tag in meinem Leben“ – und umgekehrt. Aber es muß garnicht so drastisch sein.

Man kann jeden Abend inne halten und den Tag resümieren. Da kommt Einiges zustande. Dieses Konvolut wird man wahrscheinlich später nie ganz lesen, sondern eher immer mal wieder darin blättern. Ich habe das leider nie gemacht, höchstens mal sporadisch etwas aufgeschrieben. Fotos sind noch viele da. Ich werde mir daraus mal ein Bild zusammenfügen.

Jeden Tag Schnitzel ist auch keine Lösung Winterliche Betrachtungen

Winterlandschaft mit Scheune

Jedes Kind hat ein Lieblingsessen und wird es gefragt, was es heute zu Essen geben soll, wird natürlich das Lieblingsessen genannt. Bei mir war das damals Milchreis mit brauner Butter und Zucker und Zimt. Natürlich gab es das nicht jeden Tag, sondern es wurde abwechslungsreich gekocht. Ich glaube, das sog. Lieblingsessen schnell von der Wunschliste rutschen würden, wenn es die wirklich jeden Tag geben würde. Länger als 10 Tage am Stück (wenn überhaupt) würde das niemand durchhalten.

So ähnlich ist das auch mit den Jahreszeiten, zumindest in unseren Breiten. Ich habe Bekannte, die, so sagen sie zumindest, jeden Tag gern blauen Himmel und +30°C hätten. Solche Tage geniesse ich im Sommer auch, aber es reicht, wenn es ab und zu solche Tage gibt. Dazwischen sollte es auch mal regnen, es sollte mal etwas abkühlen. Und es muß nicht immer Sommer sein. Jede Jahreszeit gefällt mir, hat ihre Besonderheiten, bringt viele Eigenheiten mit. Selbst grauen Novembertagen kann ich etwas abgewinnen, und wenn es nur die Freude am nächsten Sonnentag ist. Das Einzige, was nicht sein muß, sind zerstörerische Wetterereignisse.
Der Winter bringt kurze Tage und eine ruhende Natur. Ich bin nicht solange draussen wie im Sommer, komme auch zur Ruhe, lese mehr als im Sommer und freue mich dann immer mehr auf den Frühling. Aber jetzt ist erst einmal Winter!

Winterlandschaft mit Frau

Nach draußen Auf Reisen

Fenster - Blick nach draußen

Auf Reisen, ‚über die Jahreswende‘; Sturm, Regen; der Blick durch das Fenster des Cafés, gedankenverloren. Ein schöner Start in ein weiteres Jahr.

Im Niemandsland

Nebelland

Zwischen den Jahren – was für eine schönes Sprachbild. Im zeitlichen Niemandsland fühlt es sich an wie geschenkte Tage. Eine diffuse Situation. Ich genieße sie.

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