Dies und das #3 Aus dem Notizbuch


„»Manchmal«, sagt T., »denke ich an das Böse, das ich getan habe, und möchte gern Gewissensbisse haben. Es gelingt mir nicht. Vielleicht«, so schließt er, »leben wir in einer Zeit, in der die Einkommenserklärung die Gewissensbisse ersetzt.«“1

„Man habe unausgesprochen die Auffassung geteilt, dass man durch bestimmte Privilegierungen, bestimmte Zufälligkeiten der Biografie in den Besitz eines Wissens von der besseren Gesellschaft gelangt sei und dass man daher den vielen, vielen anderen, denen das nicht vergönnt war, auf die Sprünge helfen müsse.“2

Es gibt Menschen, die für die Integration von Flüchtlingen sind, aber sich gleichzeitig im Rahmen des Naturschutzes gegen invasive Arten engagieren.

Vor kurzem war ich mal wieder beim Arzt und musste mich teilweise entkleiden. Das erste Mal, das ich meinen Körper nicht als meinen erkannte.

  1. Ennio Flaiano, Nächtliches Tagebuch, Ammann Verlag 1988, S.181
  2. Heinz Bude, Adorno für Ruinenkinder Eine Geschichte von 1968, Carl Hanser Verlag 2018, S. 18
Dies und das #2 Aus dem Notizbuch
  • „Soweit das Auge reicht.“ oder „Neulich ist mir etwas ins Auge gefallen, was ich bis heute nicht vergessen konnte.“ oder „In Gedanken versunken.“ – Was für gehaltvolle Bilder.
  • Man darf alles dürfen, sofern man es sich leisten kann.
  • Die Erregung in den sog. Sozialen Netzwerken folgt ähnlichen Gesetzmäßigkeiten wie die Mode, ist aber noch kurzlebiger.
  • Früher gab es mal das Bestreben nach humanistischer Bildung. Heute geht es darum, möglichst gut der sog. Digitalisierung der Gesellschaft angepasst zu werden.
Reduktion Macht es einfacher, aber auch problematischer

Komplexität

»Zu all den Dingen, die wir nicht sehen können, gesellen sich noch die Dinge, die wir nicht sehen wollen, weil wir uns entschieden haben, sie zu ignorieren. Im Augenblick habe ich zum Beispiel beschlossen, das Geräusch meines Atems, das Gefühl des Rings an meinem Finger, den Anblick der Brille direkt auf meiner Nase, ja sogar den der Nase selbst zu ignorieren. Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden. Wer je eine Kamera in der Hand hatte weiss, dass zuviel Information einen genauso blind machen kann wie zuwenig. Wenn Sie sich alle neun Sinfonien von Beethoven gleichzeitig anhören wollen, würden Sie nur den Krach hören.«

(K.C. Cole)

Wer geht schon so weit, sich alle Sinfonien Beethovens gleichzeitig anzuhören; aber nicht immer sind wir in der Lage, die Informationsmenge, die auf uns einströmt, so zu steuern, das wir diese Informationen auch verarbeiten können.

Wir können ein Buch lesen und während der Lesezeit Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat ausgeschaltet lassen. Tun wir dies nicht, werden wir weder das Buch, noch das, was durch Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat auf unsere Sinne einströmt, richtig verstehen. Lassen wir Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat ausgeschaltet, gehen uns die Informationen verloren, die während des Lesens über diese Geräte zu uns kommen würden, verstehen aber das, was wir lesen. Lassen wir Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat während des Lesens angeschaltet, bekommen wir wahrscheinlich von allem etwas mit, aber nichts richtig.

In der Unterhaltung, Diskussion mit Anderen kommt es auch zu einer Reduktion der Informationsmenge, der Komplexität. Wir sagen nicht: „Gibst du mir bitte in einem Behältnis, das aus lichtdurchlässigen, meist durchsichtigen, leicht zerbrechlichen Stoff, der aus einem geschmolzenen Gemisch hergestellt wird und als Werkstoff dient, besteht, etwas der chemischen Verbindung aus den Elementen Sauerstoff und Wasserstoff.“, sondern sagen: „Gibst du mir bitte ein Glas Wasser.“ Und fast jeder Mensch auf der Welt weiss, was damit gemeint ist. Der Empfänger dieser Bitte muß nicht wissen, was der Werkstoff Glas ist und auch nicht, welche chemische Zusammensetzung Wasser hat. Eine Reduktion, die das Leben erleichtert. Continue reading Reduktion Macht es einfacher, aber auch problematischer

Aus deutschen Landen Alles nicht so einfach

Gott und Deutschland

Neulich war ich mal wieder ein paar Tage unterwegs, in der Heimat und nahe der Heimat. Und da habe ich den Spruch an einem Haus gesehen. Das Haus ist so ca. 120 bis 140 Jahre alt. Damals wurden Häuser noch mit Jahreszahlen und/oder Sprüchen versehen. Das Haus steht auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, der Spruch hat diese Zeit erstaunlicherweise unbeschadet überstanden. Gäbe es diese Art der Häuserdekoration noch – was würden wir an heutigen Neubauten zu lesen bekommen? Ist der Spruch chauvinistisch, rassistisch, frauenfeindlich, … ?

In einem anderen Ort schmückt sich ein Haus mit dieser Tafel:

Goethe war hier

Auch diese Sitte (oder Unsitte?) gibt es nicht mehr – mangels entsprechender Geistesgrößen oder weil sich heute niemand damit schmücken will, das eine unserer gegenwärtigen Geistesgrößen in seinem Haus übernachtet hat?

Müsste diese Tafel nicht auch entfernt werden, denn Goethe hat durchaus auch Töne wie diese angeschlagen:
„Niemand bedenkt leicht, daß uns Vernunft und ein tapferes Wollen gegeben sind, damit wir uns nicht allein vom Bösen, sondern auch vom Übermaß des Guten zurückhalten.“
Vielleicht ereilt Goethe aber auch noch das gleiche Schicksal wie Luther und Bach, denen man Antisemitismus „nachgewiesen“ hat. Was wäre das für eine Schlagzeile im nächsten Goethejahr: „Deutscher Dichterfürst wird von brauner Vergangenheit eingeholt.“

Aktuelle Kunst

„Im Unterschied zur Kunst anderer Epochen ist die aktuelle Kunst ohne die deutende doktrinäre Ästhetik unverständlich“. (Nicolás Gómez Dávila)