Lange her, aber zeitlos gut Die Essais von Michel de Montaigne

Buchdeckel Essais von Michel de Montaigne

(Quelle: Die Andere Bibliothek)

Im Jahr 1998 habe ich mir etwas Schönes gegönnt. Die Essais von Michel de Montaigne besaß ich schon früher, in einer einfachen Ausgabe. Aber als 1998 in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ die erste moderne Gesamtübersetzung, zusammengestellt von Hans Stilett, erschien, habe ich mir diese gekauft (einmal wegen der ersten modernen Gesamtübersetzung und weil das Buch in Format und Ausstattung etwas besonderes ist). Ein stattliches Buch, mittlerweile in der 9. Auflage.

Abbildung Michel de Montaigne

(Quelle: Wikimedia Commons)

Michel de Montaigne schrieb in „An den Leser“:

„Dieses Buch, Leser, gibt redliche Rechenschaft. Sei gleich am Anfang gewarnt, daß ich mir damit kein anderes Ziel als ein rein häusliches und privates gesetzt habe. Auf deinen Nutzen war mein Sinn hierbei ebensowenig gerichtet wie auf meinen Ruhm – für beides reichen meine Kräfte nicht aus.“

Nichtsdestotrotz hat er beides damit erreicht. Vor mehr als 400 Jahren geschrieben, sind diese Essais nach wie vor ein Lesevergnügen und ich kann sagen, dass ich durchaus Nutzen daraus ziehe. Immer mal wieder nehme ich es zur Hand, lese einige Abschnitte.
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Jeden Tag Schnitzel ist auch keine Lösung Winterliche Betrachtungen

Winterlandschaft mit Scheune

Jedes Kind hat ein Lieblingsessen und wird es gefragt, was es heute zu Essen geben soll, wird natürlich das Lieblingsessen genannt. Bei mir war das damals Milchreis mit brauner Butter und Zucker und Zimt. Natürlich gab es das nicht jeden Tag, sondern es wurde abwechslungsreich gekocht. Ich glaube, das sog. Lieblingsessen schnell von der Wunschliste rutschen würden, wenn es die wirklich jeden Tag geben würde. Länger als 10 Tage am Stück (wenn überhaupt) würde das niemand durchhalten.

So ähnlich ist das auch mit den Jahreszeiten, zumindest in unseren Breiten. Ich habe Bekannte, die, so sagen sie zumindest, jeden Tag gern blauen Himmel und +30°C hätten. Solche Tage geniesse ich im Sommer auch, aber es reicht, wenn es ab und zu solche Tage gibt. Dazwischen sollte es auch mal regnen, es sollte mal etwas abkühlen. Und es muß nicht immer Sommer sein. Jede Jahreszeit gefällt mir, hat ihre Besonderheiten, bringt viele Eigenheiten mit. Selbst grauen Novembertagen kann ich etwas abgewinnen, und wenn es nur die Freude am nächsten Sonnentag ist. Das Einzige, was nicht sein muß, sind zerstörerische Wetterereignisse.
Der Winter bringt kurze Tage und eine ruhende Natur. Ich bin nicht solange draussen wie im Sommer, komme auch zur Ruhe, lese mehr als im Sommer und freue mich dann immer mehr auf den Frühling. Aber jetzt ist erst einmal Winter!

Winterlandschaft mit Frau

Wort des Monats Der Fortschritt geht weiter

Alles entwickelt sich, auch die Sprache. Ein neues Wort kam mir vor Augen und zu Ohren: unbeschulbar. Hört sich fast an, wie unbezahlbar. Na ja, Scherz beiseite. Aber die Unbeschulbaren sind anscheinend kein Einzelfall. Das Produkt der Bildungsreformen der vergangenen Jahrzehnte ist eine „zunehmende Zahl von Kindern mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten an der Grenze der Beschulbarkeit“. Statt Bildung, Bildungspolitik.
Interessant auch die Wortwahl: unbeschulbar klingt wie unbespielbar; mit einem unbespielbaren Platz kann man im Sport beim besten Willen nichts anfangen. Ein Mensch, der mit unbeschulbar klassifiziert wird, ist aufgegeben. Was wird aus ihm?

[Kaum ist das Wort medienweit im Einsatz, wird medienweit gefragt, was damit gemeint ist.]

Ergänzung 27.01.2018:
„Unbeschulbar“: Wo bleiben die wirksamen Konsequenzen?

Individualismus und Einsamkeit Oder ist Gemeinschaft doch besser?

Großbritannien hat jetzt ein Ministerium für Einsamkeit – besser wäre ein Ministerium gegen Einsamkeit oder noch besser, es würde nicht benötigt. Das Ministerium wird nicht etwa geschaffen, um den einsamen Menschen aus altruistischen Gründen zu helfen, sondern: „Einsamkeit ist so gesundheitsschädigend wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag“. Es geht um Gesundheitskosten. Würden die einsamen Menschen nur einsam sein, aber ansonsten problemlos funktionieren, würde sich niemand um sie sorgen. „Lebe dein Leben“, „Du bist Einzigartig“, „sei du selbst“, „schliesse keine Kompromisse“ und unterschwellig „sei einsam“. „Ich parshippe jetzt“ lautet der Slogan der Vereinsamten; die damit keinen Erfolg haben, können sich selbst heiraten. Noch besser wäre eine Persönlichkeitsspaltung, denn dann ist man nie allein.

Ganz Verwegene sollen es mit Gemeinschaft probiert haben, haben Familie, Freunde. Sie nehmen die damit verbundenen Nachteile: Sich auch mal nach anderen richten; die ziellose Reise zur Selbstverwirklichung abbrechen; Kompromisse schliessen … in Kauf. Der Mensch ist ein Herdentier, auch wenn dies nicht gern gehört wird. Daran muss ich immer dann denken, wenn mir mal wieder Herden von Individualisten begegnen.

Ergänzung am 28.01.2018:

Kehren die Stämme tatsächlich wieder?
Die Globalisten irren: Nicht das Stammesdenken, sondern die Vereinsamung fördert den neuen Autoritarismus. Ein paar Anmerkungen zu einem neuerdings geführten Diskurs.

Das Echte

Oft lese ich in Begleittexten zu Fotostrecken über andere Länder, das der Fotograf „das echte/das wahre XXXX, abseits der Touristenpfade“ fotografieren/zeigen will. Zu Fotostrecken über sein Heimatland wird so etwas so gut wie nie geschrieben. Bedeutet dies, das wir meinen, von unserem Heimatland immer das Echte/das Wahre zu fotografieren, setzen wir das einfach voraus? Oder ist uns dies „zu Hause“ nicht wichtig?
Warum schreibt ein Fotograf, der in Hamburg wohnt und Fotos von München macht nicht, „ich wollte das echte/das wahre München, abseits der Touristenpfade fotografieren“? In Texte zu Fotostrecken über Thailand, Schottland, Mexico etc. taucht dieser Passus aber fast immer auf.

Man muß ihr gehorchen Vom Umgang mit der Natur

„Um der Natur befehlen zu können, muß man ihr gehorchen.“
(Sir Francis von Verulam Bacon)

Seit einiger Zeit versuche ich aus einer brachliegenden Wiese, eine Streuobstwiese zu machen. Das Grundstück wurde früher als Kartoffelacker genutzt, was aber Jahrzehnte zurück liegt. Seitdem sich selbst überlassen, haben sich neben Gras und wenigen Wildblumen vor allem Ampfer und die Große Brennessel breit gemacht; auch Disteln und Kletten sind zahlreich vorhanden. Ein besonders schönes Exemplar der Kletten habe ich nicht mit abgemäht, sondern es durfte sich frei entwickeln. Der Boden ist gut, die Klette hat sich prächtig entwickelt.

Klette
Die Klette, fast mannshoch.

Gegen die Große Brennessel und den Ampfer kämpfe ich; nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil sie überhand nehmen. Eine mühsame Arbeit; wer sich daran schon einmal versucht hat, kann dies nachempfinden. Auf den „befreiten“ Flächen säe ich Wildblumen aus, um die Wiese unter den Bäumen etwas bunter zu machen und auch, um den Insekten, die die Obstblüten bestäuben, Nahrung zu bieten, sozusagen als Belohnung. Brennesseln, die als Nahrung für Schmetterlingsraupen dienen, sind nach wie vor ausreichend vorhanden. Das wird auch trotz meiner Bemühungen so bleiben. Bei dieser Arbeit ist Demut eine angebrachte Haltung. Da ich auf chemische Bekämpfungsmittel verzichte, werde ich wohl immer nur Teilerfolge erzielen. Ganz brennessel- oder ampferfrei werde ich die Wiese wohl nie bekommen.
Ein Teil des Grundstücks, das mit Brombeeren, Schlehen, Wildrosen zugewuchert war, habe ich entbuscht. Auf diesem Stück habe ich im Frühjahr Wildblumensamen ausgebracht. Die extreme Trockenheit im ersten Halbjahr ließ mich fast verzweifeln, denn weil es dort in der Nähe kein natürliches Wasservorkommen gibt, konnte ich die Aussaat nicht wässern (der Antransport von Wasser ist in Folge erschwerter Zugänglichkeit des Grundstücks mehr als mühsam). Aber seitdem es im Juli und August kräftige Niederschläge gab, hat sich das Ganze gut entwickelt. Ich staune immer wieder, welche Kraft und Ausdauer in den meist immer winzigen Samen steckt. Das gibt Kraft für die weitere Arbeit.
Bunte Wiese
Im Frühjahr entbuscht, grünt und blüht inzwischen die Aussaat.