Ist das alles mein Leben? Was ist originär meins?

Traktor beim Pflügen

Zeitlich gesehen, findet mein Leben zwischen meiner Geburt und meinem Tod statt (die pränatale Zeit und eine mögliche Existenzweise post mortem lasse ich mal unberücksichtigt). Während dieser Zeitspanne lebe ich mein Leben.
Ich esse, trinke, schlafe, gehe einer Beschäfting zwecks Gelderwerb nach, lese, reise, mache Urlaub, treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino oder Theater, wandere, fahre Rad usw. und so fort. Alles dies ist mein Leben. „Lebe dein Leben!“ heißt es in der Werbung oder in sog. Lebensratgebern. Aber was ist „mein Leben“? Ist es all das, was ich in der Eingangs angesprochenen Zeitspanne mache, was mir während dieser Zeitspanne passiert?

Die durchschnittliche Fernsehdauer lag im Jahr 2017 laut der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) bei 221 Minuten pro Tag; für die Internetnutzung weist eine Studie aus: die durchschnittliche Nutzungsdauer beträgt 149 Minuten täglich; dazu kommt noch die Computernutzung ohne gleichzeitige Internetnutzung. Den Hörfunk nutzen wir 181 Minuten pro Tag. Die durchschnittliche Lesezeit in Deutschland liegt bei fast vier Stunden pro Woche. Dazu kommen ca. 8 Std. Arbeit, zuzüglich Fahrzeit zum Arbeitsplatz, Zeit für Einkauf. Es gibt Überschneidungen: während der Fahrt zu und von der Arbeitstelle nutzen wir Smart phone und Laptop oder Lesen oder hören Radio. Wir betreiben Körperpflege, Schlafen mehrere Stunden.

Was von dem Allen ist „mein Leben“, mein ganz „eigenes Leben“, das, „was mich ausmacht“? Betrachtet man Alterskohorten, scheint das Leben innerhalb dieser Kohorten ziemlich uniform zu sein. Aber jeder lebt „sein Leben“, das sich anscheinend nur in Nuancen von den anderen Alterskohortenangehörigen unterscheidet. Ist „mein Leben“ garnicht so sehr anders, als „das Leben der Anderen“?
Damit ist für mich keine Wertung verbunden. Der Mensch ist anscheinend doch ein Herdentier, was auch nicht wertend gemeint ist, nur eine Feststellung. Das, was „mein Leben“ ausmacht – findet das in mir statt, in meinem Kopf, meinen Gefühlen?

Elbdampfer

(Lesetipp: W. Somerset Maugham, Auf Messers Schneide; Diogenes Verlag)

Der zarte Schmelz der Kindheit Augen zu und schwelgen

Schokoladenregal
Hätte ich in der Kindheit einen Laden betreten, in dem Schokolade in solchen Massen angeboten wurde, ich hätte mich im Paradies gewähnt! Schokolade ist (ich kann es mir nicht anders vorstellen) für jedes Kind etwas Besonderes. Der Duft, das cremige Schmelzen im Mund (deshalb nie kauen!) und der lange Nachgeschmack! Ein kleines Karree – oder noch besser – ein Streifen der Tafel und ich war glücklich.

Auch heute noch ist Schokolade etwas Besonderes für mich; am liebsten bittere Schokolade, auch mit Gewürzen oder passenden Füllungen, nichts cremiges, süßes oder zu fruchtiges. Nicht so häufig, aber dann etwas Gutes. Ich glaube, jetzt ist Schokoladenzeit!

(Die Fotos habe ich vor Jahren auf dem Wiener Naschmarkt gemacht, in einem Laden, bei Kunstlicht, ohne Blitzunterstützung.)

Highspeed für die Heimat
Heimat sollte man niemanden überlassen Wehe, wenn etwas politisiert wird

Highspeed für die Heimat

In der sog. sensiblen Phase werden Reize der Umwelt derart dauerhaft ins Verhaltensrepertoir aufgenommen, dass sie später wie angeboren erscheinen (Prägung). Diese sensible Phase kann sehr kurz sein, kann sich aber auch über einen längeren Zeitraum erstrecken. Diese Prägung nennt man in der Verhaltensbiologie eine irreversible Form des Lernens. Dieses Lernen vollzieht sich unbewußt. Alles was während der sensiblen Phase einwirkt, hinterlässt Spuren – wir sehen, hören, riechen, tasten, schmecken, werden erzogen (oder verzogen) und die daraus haften bleibenden Eindrücke prägen uns. So entsteht Heimat. Wird während der sensiblen Phase häufig das Milieu gewechselt, führt dies nicht zu mehreren Heimaten, sondern zu Heimatlosigkeit. Niemand hat Heimaten, auch wenn dies behauptet wird. Ein neues Zuhause ist möglich, eine neue Heimat nicht.
Weil Heimat aus Prägung entsteht, ist sie in uns so stark verankert, aber auch von uns nicht definierbar, weil diese Prägung unbewußt erfolgt. Heimat ist somit ein Begriff, mit dem sich bestens Politik machen lässt, da er stark emotional wirkt.

Nach der bisher gültigen Lesart ist Heimat wegen der Vereinnahmung des Heimatbegriffs durch die politische Rechte böse, reaktionär, ausgrenzend, rassistisch etc.. Allerdings änderte sich dies nach der letzten Bundestagswahl und die „Die Grünen“ (und hier) und die „SPD“ entdeckten auf einmal die Heimat. Sogar ministeriell wird Heimat verankert (was Heiko Maas von der SPD auf den Plan ruft, weil er anscheinend dem designierten Heimatminister und möglichen Koalitionspartner Seehofer nicht traut). Heimat ist also auf einmal wieder gut, ja so gut, das wir sie nicht den Rechten überlassen dürfen. Aber dürfen wir Heimat überhaupt jemanden überlassen? Ich will meine Heimat niemanden überlassen, egal welcher Couleur.

Es gibt Menschen, die meinen, sie seien Weltbürger, sie könnten mit Heimat nichts anfangen, ja sie hätten keine Heimat, sind also heimatlos. Dies kann im Sinne der obigen Ausführungen durchaus sein. Wer allerdings aus politischen Gründen meint, er hätte keine Heimat, der täuscht sich selbst und ist diesbezüglich ein Fall für den Psychologen.

Ich habe eine Heimat, und wenn ich auch inzwischen ein neues Zuhause habe, so erinnere ich mich gerne an meine Heimat. Mit zunehmendem Alter entdecke ich immer mehr Heimat in mir; ein schönes Gefühl!

Weitblick
Hier könnte ich den ganzen Tag stehen Da, wo es mich versinken lässt

Blick in die Ebene

In der in mancherlei Hinsicht sehenswerten Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ gibt es eine Szene, in welcher der Polizist Schäffer auf eine Landschaft sieht und sagt: „Hier könnte ich den ganzen Tag stehen.“ Dieser Satz geht mir seitdem immer mal wieder durch den Kopf, wenn ich vor einer besonderen Szenerie stehe. Meistens mache ich das dann auch und stehe zumindest längere Zeit und schaue (ein Tag ist es aber noch nie geworden). Und meistens unterlasse ich es, diese Szenerie zu fotografieren.

Blick auf Trapani

Kirchturmuhr
Das Leben leben Was war, was weiss ich noch, was ist das Resultat?

Vor kurzem habe ich mal wieder das Buch „Ein Tag im Jahr“ von Christa Wolf zur Hand genommen. Immer wieder mal lese ich darin. Von 1960 bis 2000 wird ein Tag im Jahr, immer der 27.09., beschrieben (die Fortsetzung: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011).

Buchcover "Ein Tag im Jahr"

Beginnend mit dem Jahr 1960 und endend mit 2000 hält sie in sieben bis dreissig Seiten umfassenden Eintragungen ihren 27. 9. fest: Aufwachen, frühstücken, schreiben. Was sie denkt, was sie tut, was sie umtreibt. Wie’s den Kindern, Enkelkindern und der Eheliebe geht. Wie’s ums Land steht und um die Welt, ums Fernsehen und die Presse. Privates mischt sich mit Politischem, Träume treffen auf die Literatur, Alltagskram auf selten schöne Natur- und Wetterbilder, Leichtes auf Schweres, Belangloses auf Existenzielles. 41-mal beschreibt Christa Wolf, was an einem Tag ihr zufiel – und natürlich wurde aus der Folge dieser Zufälle eine allen Zufall übersteigende andere Art der Autobiografie.

(aus: NZZ)

Christa Wolf schreibt dazu im einleitenden Text:

„Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitg entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher mikroskopischen Zeit-Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht ertappen kann.“ (Christa Wolf, Ein Tag im Jahr 1960 – 2000, Luchterhand 2003, S.5, ISBN 3-630-87149-6).

Ich lese ein Buch, fahre mit dem Fahrrad durch die Gegend, esse etwas, rufe einen Freund an, gehe auf Toilette, gehe mit meiner Frau spazieren, arbeite 8 Stunden – diese 8 Stunden unterteilen sich in viele kleine Erlebnisse -, sehe Fern, höre Radio, schlafe, liege wach im Bett, gehe in den Garten und schneide und zupfe an der ein oder anderen Pflanze, gehe Schwimmen, schreibe einen Brief oder eine EMail, gehe ins Kino, fahre in Urlaub und mache dort …., und so weiter und so fort. Alles verbraucht meine Lebenszeit, das Wenigste davon ist geplant, bewußt auf ein erfülltes Leben ausgerichtet. Welche dieser unendlich vielen Ereignisse bleiben im Gedächtnis und führen letztlich zu dem Ergebnis, dass mein Leben ein gutes war? Fotos helfen bei der Erinnerung, auch Musik und Gerüche, alte Kleidungstücke, sofern sie nicht in die Kleidersammlung gegangen sind. Die meisten dieser Lebensmomente sind aber weg, verschwunden mit der Zeit. Sie müssen aber auch nicht alle erinnerbar sein.
Alles genau aufschreiben ist auch keine Lösung, denn dann macht das Aufschreiben irgendwann den Hauptteil des Lebens aus. Unser Gedächtnis selektiert, und jedes auf seine Weise. Und so kommt es, das selbst gemeinsam gelebte Leben in der Erinnerung unterschiedlich bewahrt werden.
Sollte man Momente des Lebens als Wegmarken festhalten, als ‚Meilensteine‘ – aber ist die Bewertung in diesem Moment haltbar und stellen sich möglicherweise später ganz andere Momente als wesentlich heraus, Momente, die ich garnicht als so besonders markiert habe? So wird u.U. der einstmals als „Der schönste Tag in meinem Leben“ apostrophierte Tag irgendwann zum „Schwärzesten Tag in meinem Leben“ – und umgekehrt. Aber es muß garnicht so drastisch sein.

Man kann jeden Abend inne halten und den Tag resümieren. Da kommt Einiges zustande. Dieses Konvolut wird man wahrscheinlich später nie ganz lesen, sondern eher immer mal wieder darin blättern. Ich habe das leider nie gemacht, höchstens mal sporadisch etwas aufgeschrieben. Fotos sind noch viele da. Ich werde mir daraus mal ein Bild zusammenfügen.

Wort des Monats Der Fortschritt geht weiter

Alles entwickelt sich, auch die Sprache. Ein neues Wort kam mir vor Augen und zu Ohren: unbeschulbar. Hört sich fast an, wie unbezahlbar. Na ja, Scherz beiseite. Aber die Unbeschulbaren sind anscheinend kein Einzelfall. Das Produkt der Bildungsreformen der vergangenen Jahrzehnte ist eine „zunehmende Zahl von Kindern mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten an der Grenze der Beschulbarkeit“. Statt Bildung, Bildungspolitik.
Interessant auch die Wortwahl: unbeschulbar klingt wie unbespielbar; mit einem unbespielbaren Platz kann man im Sport beim besten Willen nichts anfangen. Ein Mensch, der mit unbeschulbar klassifiziert wird, ist aufgegeben. Was wird aus ihm?

[Kaum ist das Wort medienweit im Einsatz, wird medienweit gefragt, was damit gemeint ist.]

Ergänzung 27.01.2018:
„Unbeschulbar“: Wo bleiben die wirksamen Konsequenzen?

Damals, in den 60igern gab es ihn noch Oder heißt er heute nur anders?

In älteren Romanen kommt er vor, in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war häufig die Rede vom „bescheidenen Wohlstand“. Schon damals war mir diese Kombination suspekt. Wann hatte man den Zustand „bescheidenen Wohlstands“ erreicht? Für mich klang das immer wie „nicht mehr ganz so arm“. Richtig gut ging es denen, die in „bescheidenen Wohlstand“ lebten anscheinend nicht. Es war wohl eher eine Beruhigungspille. Soweit ich mich erinnere, sprach nie jemand von „unbescheidenen Wohlstand“. Diese Kombination ist natürlich genauso erklärungsbedürftig, wie der „bescheidene Wohlstand“.

Von „bescheidenen Wohlstand“ lese ich heute eigentlich nur noch, wenn es um sog. Schwellenländer geht. Dort wird immer mal wieder davon gesprochen, das immer mehr Menschen einen „bescheidenen Wohlstand“ erreichen. In Deutschland scheinen wir dieses ökonomische Stadium bereits verlassen zu haben, denn ich habe sehr lange nicht gehört oder gelesen, das jemand in „bescheidenen Wohlstand“ lebt oder immer mehr Menschen dieses Stadium erreichen. Leben wir inzwischen im „unbescheidenen Wohlstand“ oder unterhalb des „bescheidenen Wohlstands“ oder ist vielleicht das Wort „bescheiden“ nicht mehr erwünscht? Oder ist „Wohlstand“ inzwischen ganz aus der Mode gekommen („aus der Mode gekommen“ ist ja auch „out“ oder sagt man besser „uncool“?)?
Niemand spricht von Wohlstand, aber Alle wollen sich Alles leisten können. Liest sich auch besser, passt besser zu „sich selbst verwirklichen“ als „ich lebe in Wohlstand“.

Erinnerungen, die keiner mehr braucht Man sollte es sich nicht zu leicht machen

Jeder hat Erinnerungen, ob er will oder nicht; keine Erinnerungen zu haben heisst Amnesie und ist eine Störung. Manche Erinnerungen hätte ich lieber nicht, aber sie sind halt da. Die Erinnerungen, die ich noch nicht habe, nenne ich Träume. Vielleicht werden es noch Erinnerungen. Aber Träume sind auch schön.
Neulich habe ich gelesen, das jemand seinen Dachboden aufräumte und Vieles was er dort fand, in den Müll warf – mit dem Kommentar: „Das sind Erinnerungen, die keiner mehr braucht.“ Aber so einfach ist das dann doch nicht (vielleicht war es aber auch nur so dahin geschrieben).

Sachen sind keine Erinnerungen, auch Fotografien sind keine Erinnerungen. Wer sich z.B. nicht an eine Feier erinnern kann, weil er stockbesoffen war, dem helfen auch keine Fotografien weiter. Und selbst wenn ich eine Situation bewußt erlebt habe, so muß das nicht zu einer Erinnerung führen. Ich bin immer wieder erstaunt, was ich alles erlebt haben soll, wenn im Kreise alter Freunde und Schulkameraden nostalgiert wird. Muß aber nicht an mir liegen; es gibt auch Erinnerungen an etwas, das sich so wie erinnert nie ereignet hat. Continue reading Erinnerungen, die keiner mehr braucht Man sollte es sich nicht zu leicht machen

Zwangsläufig konservativ Der Fotograf kann garnicht anders

Wenn ‚beklagt‘ wird, das Fotobegeisterte konservativ sind, dann geht es immer darum, das sie technischen Neuerungen skeptisch gegenüberstehen, sie „das Gewohnte bevorzugen“. Eine Einschätzung, die mit der negativen Aufladung des Begriffs ‚Konservativ‘ erklärt werden kann. Sieht man sich die Herkunft des Begriffs an, entspannt sich das und führt dazu, Fotografen als zwangsläufig konservativ zu bezeichnen.
‚Konservativ‘ kommt von ‚konservieren‘:

  • (besonders Lebensmittel) durch spezielle Behandlung haltbar machen
  • durch besondere Behandlung, Pflege erhalten

Es geht in der Fotografie um das Bewahren, Erhalten eines Zustandes der Gegenwart (nicht um das Festhalten am Gewohnten). Das zu erhalten, was erhaltens-/bewahrenswert ist, ist etwas Erstrebenswertes. Wir beklagen doch allenthalben die Schnelligkeit und Vergänglichkeit unserer sog. Wegwerfgesellschaft. Also lasst uns konservativ sein!

Fortschritt, Zeit, Fotografie Zur Erfahrung von Zeit

Ein Spruch von Beuys als Einleitung eines Artikels bei Alle Augenblicke.de erinnerte mich an einen Text Vilém Flussers1. Flusser leitet seinen Text mit dem Satz ein: „Alle Fortschrittsideologie geht von der Vorstellung aus, daß wir nach vorne laufen.“ Und daraus leitet der Fortschrittsideologe die Folgerung ab, das wir uns auch in der Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft bewegen. Nur so bekommt die Eingangs angesprochene Sentenz von Beuys („Die Zukunft, die wir wollen muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“) einen Sinn.
In seinem Text schreibt Flusser weiter: „….., müssen wir einzusehen versuchen, daß wir nicht aus der Gegenwart in die Zukunft laufen. Das ist eine existenzielle Unmöglichkeit,denn wo immer wir sind, dort ist Gegenwart, und wir können nicht aus der Gegenwart hinaus, ohne uns selbst aufgegeben zu haben. Es ist im Gegenteil die Zukunft, die bei uns in der Gegenwart ankommt, und eben das meint ja das Wort „Zukunft“. Wir sind immer hier und jetzt, und die in dieses Hier und Jetzt dringt von allen Seiten die Zukunft.“ Etwas läuft in unsere Richtung. Wir sind in der Gegenwart gebunden und die Zukunft kommt auf uns zu. Von daher ist es unmöglich, uns eine Zukunft zu erfinden, auch wenn wir uns dies so sehnlich wünschen. Alles was wir tun, tun wir in der Gegenwart und es wirkt sich auch nur auf eine Gegenwart aus.
Eine Fotografie hält auch immer nur die Gegenwart fest. Fotos sind ‚eingefrorene‘ Gegenwart. So wenig wie ein Foto die Vergangenheit festhalten kann, kann man die Zukunft fotografieren. Wir halten im Foto die Gegenwart fest, um diese Gegenwart einzufrieren. Das wir dies damit letztlich nicht erreichen können wissen wir, und daraus resultiert die nostalgische Komponente der Fotografie, des Betrachtens von Fotos. Das Foto soll die ‚Gegenwart‘ zurück holen, aber das geht nicht; es gibt immer nur eine Gegenwart, und in der leben wir.
Vielleicht sollte der Satz von Beuys besser lauten: „Es macht keinen Sinn, das wir versuchen, uns eine Zukunft zu erfinden, sondern was wir wollen, kann nur in der Gegenwart geschehen.“ Kann man eine Gegenwart erfinden?

  1. „Er-fahrung“, in Vilém Flusser, Von der Freiheit des Migranten, eva-Taschenbuch 254, ISBN 978-3-86393-041-7
Page 1 of 2
1 2