Fortschritt, Zeit, Fotografie Zur Erfahrung von Zeit

Ein Spruch von Beuys als Einleitung eines Artikels bei Alle Augenblicke.de erinnerte mich an einen Text Vilém Flussers1. Flusser leitet seinen Text mit dem Satz ein: „Alle Fortschrittsideologie geht von der Vorstellung aus, daß wir nach vorne laufen.“ Und daraus leitet der Fortschrittsideologe die Folgerung ab, das wir uns auch in der Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft bewegen. Nur so bekommt die Eingangs angesprochene Sentenz von Beuys („Die Zukunft, die wir wollen muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“) einen Sinn.
In seinem Text schreibt Flusser weiter: „….., müssen wir einzusehen versuchen, daß wir nicht aus der Gegenwart in die Zukunft laufen. Das ist eine existenzielle Unmöglichkeit,denn wo immer wir sind, dort ist Gegenwart, und wir können nicht aus der Gegenwart hinaus, ohne uns selbst aufgegeben zu haben. Es ist im Gegenteil die Zukunft, die bei uns in der Gegenwart ankommt, und eben das meint ja das Wort „Zukunft“. Wir sind immer hier und jetzt, und die in dieses Hier und Jetzt dringt von allen Seiten die Zukunft.“ Etwas läuft in unsere Richtung. Wir sind in der Gegenwart gebunden und die Zukunft kommt auf uns zu. Von daher ist es unmöglich, uns eine Zukunft zu erfinden, auch wenn wir uns dies so sehnlich wünschen. Alles was wir tun, tun wir in der Gegenwart und es wirkt sich auch nur auf eine Gegenwart aus.
Eine Fotografie hält auch immer nur die Gegenwart fest. Fotos sind ‚eingefrorene‘ Gegenwart. So wenig wie ein Foto die Vergangenheit festhalten kann, kann man die Zukunft fotografieren. Wir halten im Foto die Gegenwart fest, um diese Gegenwart einzufrieren. Das wir dies damit letztlich nicht erreichen können wissen wir, und daraus resultiert die nostalgische Komponente der Fotografie, des Betrachtens von Fotos. Das Foto soll die ‚Gegenwart‘ zurück holen, aber das geht nicht; es gibt immer nur eine Gegenwart, und in der leben wir.
Vielleicht sollte der Satz von Beuys besser lauten: „Es macht keinen Sinn, das wir versuchen, uns eine Zukunft zu erfinden, sondern was wir wollen, kann nur in der Gegenwart geschehen.“ Kann man eine Gegenwart erfinden?

  1. „Er-fahrung“, in Vilém Flusser, Von der Freiheit des Migranten, eva-Taschenbuch 254, ISBN 978-3-86393-041-7

Man muß ihr gehorchen Vom Umgang mit der Natur

„Um der Natur befehlen zu können, muß man ihr gehorchen.“
(Sir Francis von Verulam Bacon)

Seit einiger Zeit versuche ich aus einer brachliegenden Wiese, eine Streuobstwiese zu machen. Das Grundstück wurde früher als Kartoffelacker genutzt, was aber Jahrzehnte zurück liegt. Seitdem sich selbst überlassen, haben sich neben Gras und wenigen Wildblumen vor allem Ampfer und die Große Brennessel breit gemacht; auch Disteln und Kletten sind zahlreich vorhanden. Ein besonders schönes Exemplar der Kletten habe ich nicht mit abgemäht, sondern es durfte sich frei entwickeln. Der Boden ist gut, die Klette hat sich prächtig entwickelt.

Klette
Die Klette, fast mannshoch.

Gegen die Große Brennessel und den Ampfer kämpfe ich; nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil sie überhand nehmen. Eine mühsame Arbeit; wer sich daran schon einmal versucht hat, kann dies nachempfinden. Auf den „befreiten“ Flächen säe ich Wildblumen aus, um die Wiese unter den Bäumen etwas bunter zu machen und auch, um den Insekten, die die Obstblüten bestäuben, Nahrung zu bieten, sozusagen als Belohnung. Brennesseln, die als Nahrung für Schmetterlingsraupen dienen, sind nach wie vor ausreichend vorhanden. Das wird auch trotz meiner Bemühungen so bleiben. Bei dieser Arbeit ist Demut eine angebrachte Haltung. Da ich auf chemische Bekämpfungsmittel verzichte, werde ich wohl immer nur Teilerfolge erzielen. Ganz brennessel- oder ampferfrei werde ich die Wiese wohl nie bekommen.
Ein Teil des Grundstücks, das mit Brombeeren, Schlehen, Wildrosen zugewuchert war, habe ich entbuscht. Auf diesem Stück habe ich im Frühjahr Wildblumensamen ausgebracht. Die extreme Trockenheit im ersten Halbjahr ließ mich fast verzweifeln, denn weil es dort in der Nähe kein natürliches Wasservorkommen gibt, konnte ich die Aussaat nicht wässern (der Antransport von Wasser ist in Folge erschwerter Zugänglichkeit des Grundstücks mehr als mühsam). Aber seitdem es im Juli und August kräftige Niederschläge gab, hat sich das Ganze gut entwickelt. Ich staune immer wieder, welche Kraft und Ausdauer in den meist immer winzigen Samen steckt. Das gibt Kraft für die weitere Arbeit.
Bunte Wiese
Im Frühjahr entbuscht, grünt und blüht inzwischen die Aussaat.

Was war An was erinnere ich mich wie?

Mit zunehmenden Lebensalter nimmt normalerweise das Reservoir der Erinnerungsmöglichkeiten zu. Ich habe viel erlebt und wenn ich mich mit alten Freunden treffe, wird über „damals“ gesprochen – mal mehr, mal weniger. Erstaunlich, an wieviel ich mich erinnere, auch wenn meine Erinnerung nicht immer mit der Erinnerung meiner Freunde übereinstimmt (obwohl es um gemeinsam Erlebtes geht). Was bleibt? – wovon hängt das ab? Schwierig für mich ist, wenn ich sagen soll, was in einem bestimmten Zeitraum geschehen ist. Meine Erinnerung ist ereignisgeprägt. Es bedarf einiger Gedankenarbeit, um eine Erinnerung zeitlich einzuordnen. Es gibt allerdings bestimmte einzelne Zeitpunkte, die unvergesslich sind; diese sind an prägnante Ereignisse gebunden, so ähnlich wie damals im Geschichtsunterricht: „Wann wurde XXX-der-Große zum Kaiser gekrönt?“. Das Ereignis und seine Bedeutung konnte ich relativ gut behalten, den Zeitpunkt musste ich stupide lernen, vergaß ihn dann meist aber auch schnell wieder. Vielleicht eine Eigenheit von mir. Denn oft ist es im eigenen Leben, wie auch in der Geschichte, wichtig, wann etwas geschehen ist. Aber vielleicht ist das auch allgemein so und der Beginn einer Erinnerungsrede beginnt deshalb oft mit: „Weißt Du, damals, als wir …?“ Noch nie habe ich erlebt, das jemand z.B. zu mir sagt: „Weißt du noch, als wir am 23. Juni 1967 das und das gemacht haben?“