Zwangsläufig konservativ Der Fotograf kann garnicht anders

Wenn ‚beklagt‘ wird, das Fotobegeisterte konservativ sind, dann geht es immer darum, das sie technischen Neuerungen skeptisch gegenüberstehen, sie „das Gewohnte bevorzugen“. Eine Einschätzung, die mit der negativen Aufladung des Begriffs ‚Konservativ‘ erklärt werden kann. Sieht man sich die Herkunft des Begriffs an, entspannt sich das und führt dazu, Fotografen als zwangsläufig konservativ zu bezeichnen.
‚Konservativ‘ kommt von ‚konservieren‘:

  • (besonders Lebensmittel) durch spezielle Behandlung haltbar machen
  • durch besondere Behandlung, Pflege erhalten

Es geht in der Fotografie um das Bewahren, Erhalten eines Zustandes der Gegenwart (nicht um das Festhalten am Gewohnten). Das zu erhalten, was erhaltens-/bewahrenswert ist, ist etwas Erstrebenswertes. Wir beklagen doch allenthalben die Schnelligkeit und Vergänglichkeit unserer sog. Wegwerfgesellschaft. Also lasst uns konservativ sein!

Fortschritt, Zeit, Fotografie Zur Erfahrung von Zeit

Ein Spruch von Beuys als Einleitung eines Artikels bei Alle Augenblicke.de erinnerte mich an einen Text Vilém Flussers1. Flusser leitet seinen Text mit dem Satz ein: „Alle Fortschrittsideologie geht von der Vorstellung aus, daß wir nach vorne laufen.“ Und daraus leitet der Fortschrittsideologe die Folgerung ab, das wir uns auch in der Zeit von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft bewegen. Nur so bekommt die Eingangs angesprochene Sentenz von Beuys („Die Zukunft, die wir wollen muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“) einen Sinn.
In seinem Text schreibt Flusser weiter: „….., müssen wir einzusehen versuchen, daß wir nicht aus der Gegenwart in die Zukunft laufen. Das ist eine existenzielle Unmöglichkeit,denn wo immer wir sind, dort ist Gegenwart, und wir können nicht aus der Gegenwart hinaus, ohne uns selbst aufgegeben zu haben. Es ist im Gegenteil die Zukunft, die bei uns in der Gegenwart ankommt, und eben das meint ja das Wort „Zukunft“. Wir sind immer hier und jetzt, und die in dieses Hier und Jetzt dringt von allen Seiten die Zukunft.“ Etwas läuft in unsere Richtung. Wir sind in der Gegenwart gebunden und die Zukunft kommt auf uns zu. Von daher ist es unmöglich, uns eine Zukunft zu erfinden, auch wenn wir uns dies so sehnlich wünschen. Alles was wir tun, tun wir in der Gegenwart und es wirkt sich auch nur auf eine Gegenwart aus.
Eine Fotografie hält auch immer nur die Gegenwart fest. Fotos sind ‚eingefrorene‘ Gegenwart. So wenig wie ein Foto die Vergangenheit festhalten kann, kann man die Zukunft fotografieren. Wir halten im Foto die Gegenwart fest, um diese Gegenwart einzufrieren. Das wir dies damit letztlich nicht erreichen können wissen wir, und daraus resultiert die nostalgische Komponente der Fotografie, des Betrachtens von Fotos. Das Foto soll die ‚Gegenwart‘ zurück holen, aber das geht nicht; es gibt immer nur eine Gegenwart, und in der leben wir.
Vielleicht sollte der Satz von Beuys besser lauten: „Es macht keinen Sinn, das wir versuchen, uns eine Zukunft zu erfinden, sondern was wir wollen, kann nur in der Gegenwart geschehen.“ Kann man eine Gegenwart erfinden?

  1. „Er-fahrung“, in Vilém Flusser, Von der Freiheit des Migranten, eva-Taschenbuch 254, ISBN 978-3-86393-041-7

Kinder sind kleine Erwachsene? Wie einfach war die Kindheit früher

Ein Vater gibt seiner 3-jährigen Tochter eine DSLR, zeigt ihr den Sucher und sagt ihr lediglich, das sie das, was sie fotografieren will, in der Bildmitte positionieren sollte. Einstellen muss sie nichts, das hat der Vater übernommen. Sie drückt fleissig auf den Auslöser, der Vater überarbeitet die Fotos leicht, stellt sie ins Web und kommt zu folgendem Ergebnis:

„Here’s what I learned:

1) She shoots what she loves. Lots of pictures of her mom, dad and toys… and even three of that white Amazon Echo (if you knew how tight she was with Alexa, it would be no surprise the device made three appearances).

2) She shoots without asking and shoots as-is; she doesn’t setup the shot — she just shoots and a few of her shots are legitimately emotive and interesting.

3) She had an absolute blast. This experiment reminded me that photography can be fun even without Instagram and VSCO likes.“

Nichts, wozu es dieses Experiments bedurft hätte.

Der demokratische Kindergarten überträgt Strukturen aus der Erwachsenenwelt auf Kinder. Das geht in eine ähnliche Richtung. Kinder können alles, was auch Erwachsene können; natürlich auf ihre Weise. Ob sie es deswegen auch sollen, ist eine andere Frage. Die Pädagogik scheint das einzige Gebiet, auf dem noch fortwährend experimentiert wird – G8, G9, schreiben nach Gehör usw.. Ich hoffe, noch erleben zu können, wie sich dies später mal auswirkt. Hoffentlich zum Positiven für die Betroffenen.