Reduktion Macht es einfacher, aber auch problematischer

Komplexität

»Zu all den Dingen, die wir nicht sehen können, gesellen sich noch die Dinge, die wir nicht sehen wollen, weil wir uns entschieden haben, sie zu ignorieren. Im Augenblick habe ich zum Beispiel beschlossen, das Geräusch meines Atems, das Gefühl des Rings an meinem Finger, den Anblick der Brille direkt auf meiner Nase, ja sogar den der Nase selbst zu ignorieren. Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden. Wer je eine Kamera in der Hand hatte weiss, dass zuviel Information einen genauso blind machen kann wie zuwenig. Wenn Sie sich alle neun Sinfonien von Beethoven gleichzeitig anhören wollen, würden Sie nur den Krach hören.«

(K.C. Cole)

Wer geht schon so weit, sich alle Sinfonien Beethovens gleichzeitig anzuhören; aber nicht immer sind wir in der Lage, die Informationsmenge, die auf uns einströmt, so zu steuern, das wir diese Informationen auch verarbeiten können.

Wir können ein Buch lesen und während der Lesezeit Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat ausgeschaltet lassen. Tun wir dies nicht, werden wir weder das Buch, noch das, was durch Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat auf unsere Sinne einströmt, richtig verstehen. Lassen wir Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat ausgeschaltet, gehen uns die Informationen verloren, die während des Lesens über diese Geräte zu uns kommen würden, verstehen aber das, was wir lesen. Lassen wir Radioapparat, Smart Phone, Fernsehapparat während des Lesens angeschaltet, bekommen wir wahrscheinlich von allem etwas mit, aber nichts richtig.

In der Unterhaltung, Diskussion mit Anderen kommt es auch zu einer Reduktion der Informationsmenge, der Komplexität. Wir sagen nicht: „Gibst du mir bitte in einem Behältnis, das aus lichtdurchlässigen, meist durchsichtigen, leicht zerbrechlichen Stoff, der aus einem geschmolzenen Gemisch hergestellt wird und als Werkstoff dient, besteht, etwas der chemischen Verbindung aus den Elementen Sauerstoff und Wasserstoff.“, sondern sagen: „Gibst du mir bitte ein Glas Wasser.“ Und fast jeder Mensch auf der Welt weiss, was damit gemeint ist. Der Empfänger dieser Bitte muß nicht wissen, was der Werkstoff Glas ist und auch nicht, welche chemische Zusammensetzung Wasser hat. Eine Reduktion, die das Leben erleichtert.

Problematisch wird es, wenn es in der Unterhaltung, der Diskussion um politische, weltanschauliche, philosophische Inhalte geht. Sätze wie: „Wir brauchen mehr Bildung.“, „Wir müssen die Digitalisierung der Gesellschaft vorantreiben.“, „Die Demonstranten waren überwiegend alte, weiße Männer.“, „Aktivisten protestierten gegen die Tagung.“, „Wir müssen klimafreundlicher Leben.“, „Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde.“ etc. werden so hingenommen, ohne dass geklärt wird, was mit „Bildung“, „Digitalisierung der Gesellschaft“, „alte, weiße Männer“, „Aktivisten“, „Klimafreundlichkeit“, „Nachhaltigkeit“ gemeint ist (Jeder meint aber zu wissen, was es wirklich bedeutet). Hinter diesen Begriffen stehen im besten Falle durchdachte Konzepte, mit denen man sich beschäftigen kann, wenn man will. Häufig sind diese Begriffe aber nur vage Empfindungen, was dann nicht schlimm wäre, wenn versucht wird, das dahinter stehende zu analysieren, was natürlich niemand während der Unterhaltung oder Diskussion macht, weil ansonsten keine Unterhaltung, Diskussion zustande käme. Dies „dient [sie] der Ermöglichung oder Vereinfachung von Kommunikation“.
Kritisch wird diese Reduktion auf Begriffe, unter denen jeder das versteht, was in seine Meinung, Weltanschaung passt, dann, wenn dadurch Entscheidungen getroffen werden, die bei Kenntnis des umfassenden Begriffsgehalts anders ausgefallen wären. Noch kritischer ist zu sehen, wenn dies von Politikern und Medien ausgenutzt wird, um Meinungen zu lenken. Dies entspricht nicht dem Konzept eines „mündigen Bürgers“ (schon wieder eine Reduktion – wer ist ein mündiger Bürger: der alte weiße Mann, der junge Aktivist, welche Partei muß ein mündiger Bürger wählen, um mündig sein zu dürfen?).

Die Fotografie ist per se eine Methode, um Komplexität zu reduzieren. Jedes Foto ist ein Ausschnitt der Wirklichkeit; was ausserhalb der Bildgrenzen liegt, weiß der Betrachter überwiegend nicht. Anhand des Beitragsfotos kann man sich mögliche Bildzuschnitte vorstellen und daran ausprobieren, wie sich der entsprechende Zuschnitt auf eine Interpretation auswirkt.
Seit ich die dokumentarische Fotografie in den Medien verfolge, hat sich bei mir eine mehr oder weniger große Skepsis gegenüber der Bildaussage ergeben – dies nicht, weil ich an bewußte Verfälschung des Bildinhaltes glaube (was sicher auch vorkommt), sondern weil versucht wird, durch Wahl von Bildinhalt/-ausschnitt Meinung zu machen. Auch in der Fotografie gibt es so etwas wie Reduktion durch Stereotype, die in ähnlicher Weise wirken, wie die Begriffe „mehr Bildung“ oder „Digitalisierung der Gesellschaft“.

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Reader Comments

  1. Glumm

    Es ist beim Fotografieren wie beim Schreiben: je länger man es betreibt, desto deutlicher wird: es geht hauptsächlich ums Weglassen. Und manchmal knüppeldick auftragen. Muss auch mal sein. Ode wie die Gräfin sagt: „Wahrscheinlich muss man sterben, weil das Leben so schön ist. Wegen der Balance.“

  2. Werner

    Diesen Beitrag trage ich nun schon zwei Tage mit mir herum. Wie schön. Ich mag diese Texte, sie regen zum Nachdenken an..
    Letztlich ist auch die Reduktion -egal wo man sie betreibt – wieder selbst ein komplexes Thema.

    Egal wie wir uns drehen und wenden: Auch Reduktion braucht Verstand. Braucht das Wissen um Zusammenhänge und den Drang, verstehen zu wollen: Neugierig sein, Fragen stellen.

    In Zeiten wie unseren eher nicht so angesagt.
    Populismus ist auch (und vor allem) das Weglassen von Zusammenhängen? Wer dann nicht fragt und nicht verstehen will, muss alles glauben, weil er nichts weiß.

    Danke, Hans. Wie immer eine Bereicherung!

    Liebe Grüße,
    Werner

    • HF

      Danke für die anerkennenden Worte, Werner. Ja, auch Reduktion muss mit Verstand angewendet werden, sonst wird aus einer Erleichterungsmethode etwas Schlimmes, siehe z.B. Populismus jeder Couleur.
      LG, HF

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