Dies und das #4 Aus dem Notizbuch


Wenn es in Artikeln in Blogs um Fotoausrüstung geht, bin ich immer wieder überrascht zu lesen, welche Summen anscheinend ohne weiteres für Kameraausrüstung ausgegeben werden; nicht etwa von Profis, die mit der Ausrüstung ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern von Menschen, die die Fotografie als Hobby betreiben.

Wo wir gerade bei Fotografieblogs sind: wenn die Blogbetreiber etwas über sich selbst schreiben, sich vorstellen, etwas zur Vita schreiben, wird dies häufig in der dritten Person getan.

Wie die Welt sich geändert hat – in Blogs von jungen Menschen lese ich oft in den „About“-Texten: „Ich lebe in Berlin und London.“ oder „… in Hamburg und New York.“ etc.. Das ist für viele anscheinend ganz selbstverständlich und scheint auch finanziell kein Problem zu sein.

„Besser ein überzeugter Täter als ein bloßer Mitläufer. Das Widerliche sind doch die faulen Kompromisse und die ängstlichen Arrangements. Kämpferisch und entschieden muss man Gott folgen oder dem Nichts ins Auge blicken.“ 1

  1. Heinz Bude, Adorno für Ruinenkinder Eine Geschichte von 1968, Carl Hanser Verlag 2018, S. 65
We love to entertain you Ein jeder auf seine Art

Kunst am Haus

Man will es sich schön machen, und so wie Kunst angeblich im Auge des Betrachters liegt, ist es auch mit Kitsch.

Die Schwierigkeit, Kitsch zu definieren, zeigt sich nicht zuletzt in der „Unübersetzbarkeit“ des deutschen Wortes. Britische Übersetzer zählten Kitsch zu den zehn am schwierigsten zu übersetzenden Begriffen; im Englischen verwendet man das Wort kitsch ebenfalls. Auch im Französischen gibt es keine adäquate Übersetzung, das Wort kitsch wird daher zum Teil auch dort verwendet. Zahlreiche Sprachen haben das Wort übernommen, darunter die türkische Sprache (kitsch oder kiç) und selbst die griechische Sprache (κιτς), welche mit wenigen Fremdwörtern auskommt. (Wikipedia)

Aber auch die immer beliebter werdenden Steingärten (Gärten des Grauens) sind Kitsch – ich nenne es mal Gruselkitsch. Umweltverschmutzung hat viele Gesichter.

Steingarten mit Wichtel

Der Horror vacui macht auch vor dem Kitsch nicht halt (warum auch?).

Kulturlandschaft mit Raben So sieht sie aus, oder auch anders.

Kulturlandschaft
Eine Autobahn, eine Obstplantage, ein Funkmast; auf dem Feld ein paar Raben, als Repräsentanten der Intelligenz. Wenn die Bäume Laub tragen, sieht man die LKWs auf der Autobahn nicht; den Lärm hält das Laub leider nicht ab. Eine Kulturlandschaft.

Lange her, aber zeitlos gut Die Essais von Michel de Montaigne

Buchdeckel Essais von Michel de Montaigne

(Quelle: Die Andere Bibliothek)

Im Jahr 1998 habe ich mir etwas Schönes gegönnt. Die Essais von Michel de Montaigne besaß ich schon früher, in einer einfachen Ausgabe. Aber als 1998 in der Reihe „Die Andere Bibliothek“ die erste moderne Gesamtübersetzung, zusammengestellt von Hans Stilett, erschien, habe ich mir diese gekauft (einmal wegen der ersten modernen Gesamtübersetzung und weil das Buch in Format und Ausstattung etwas besonderes ist). Ein stattliches Buch, mittlerweile in der 9. Auflage.

Abbildung Michel de Montaigne

(Quelle: Wikimedia Commons)

Michel de Montaigne schrieb in „An den Leser“:

„Dieses Buch, Leser, gibt redliche Rechenschaft. Sei gleich am Anfang gewarnt, daß ich mir damit kein anderes Ziel als ein rein häusliches und privates gesetzt habe. Auf deinen Nutzen war mein Sinn hierbei ebensowenig gerichtet wie auf meinen Ruhm – für beides reichen meine Kräfte nicht aus.“

Nichtsdestotrotz hat er beides damit erreicht. Vor mehr als 400 Jahren geschrieben, sind diese Essais nach wie vor ein Lesevergnügen und ich kann sagen, dass ich durchaus Nutzen daraus ziehe. Immer mal wieder nehme ich es zur Hand, lese einige Abschnitte.
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Dies und das #3 Aus dem Notizbuch


„»Manchmal«, sagt T., »denke ich an das Böse, das ich getan habe, und möchte gern Gewissensbisse haben. Es gelingt mir nicht. Vielleicht«, so schließt er, »leben wir in einer Zeit, in der die Einkommenserklärung die Gewissensbisse ersetzt.«“1

„Man habe unausgesprochen die Auffassung geteilt, dass man durch bestimmte Privilegierungen, bestimmte Zufälligkeiten der Biografie in den Besitz eines Wissens von der besseren Gesellschaft gelangt sei und dass man daher den vielen, vielen anderen, denen das nicht vergönnt war, auf die Sprünge helfen müsse.“2

Es gibt Menschen, die für die Integration von Flüchtlingen sind, aber sich gleichzeitig im Rahmen des Naturschutzes gegen invasive Arten engagieren.

Vor kurzem war ich mal wieder beim Arzt und musste mich teilweise entkleiden. Das erste Mal, das ich meinen Körper nicht als meinen erkannte.

  1. Ennio Flaiano, Nächtliches Tagebuch, Ammann Verlag 1988, S.181
  2. Heinz Bude, Adorno für Ruinenkinder Eine Geschichte von 1968, Carl Hanser Verlag 2018, S. 18
Ist das alles mein Leben? Was ist originär meins?

Traktor beim Pflügen

Zeitlich gesehen, findet mein Leben zwischen meiner Geburt und meinem Tod statt (die pränatale Zeit und eine mögliche Existenzweise post mortem lasse ich mal unberücksichtigt). Während dieser Zeitspanne lebe ich mein Leben.
Ich esse, trinke, schlafe, gehe einer Beschäfting zwecks Gelderwerb nach, lese, reise, mache Urlaub, treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino oder Theater, wandere, fahre Rad usw. und so fort. Alles dies ist mein Leben. „Lebe dein Leben!“ heißt es in der Werbung oder in sog. Lebensratgebern. Aber was ist „mein Leben“? Ist es all das, was ich in der Eingangs angesprochenen Zeitspanne mache, was mir während dieser Zeitspanne passiert?

Die durchschnittliche Fernsehdauer lag im Jahr 2017 laut der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) bei 221 Minuten pro Tag; für die Internetnutzung weist eine Studie aus: die durchschnittliche Nutzungsdauer beträgt 149 Minuten täglich; dazu kommt noch die Computernutzung ohne gleichzeitige Internetnutzung. Den Hörfunk nutzen wir 181 Minuten pro Tag. Die durchschnittliche Lesezeit in Deutschland liegt bei fast vier Stunden pro Woche. Dazu kommen ca. 8 Std. Arbeit, zuzüglich Fahrzeit zum Arbeitsplatz, Zeit für Einkauf. Es gibt Überschneidungen: während der Fahrt zu und von der Arbeitstelle nutzen wir Smart phone und Laptop oder Lesen oder hören Radio. Wir betreiben Körperpflege, Schlafen mehrere Stunden.

Was von dem Allen ist „mein Leben“, mein ganz „eigenes Leben“, das, „was mich ausmacht“? Betrachtet man Alterskohorten, scheint das Leben innerhalb dieser Kohorten ziemlich uniform zu sein. Aber jeder lebt „sein Leben“, das sich anscheinend nur in Nuancen von den anderen Alterskohortenangehörigen unterscheidet. Ist „mein Leben“ garnicht so sehr anders, als „das Leben der Anderen“?
Damit ist für mich keine Wertung verbunden. Der Mensch ist anscheinend doch ein Herdentier, was auch nicht wertend gemeint ist, nur eine Feststellung. Das, was „mein Leben“ ausmacht – findet das in mir statt, in meinem Kopf, meinen Gefühlen?

Elbdampfer

(Lesetipp: W. Somerset Maugham, Auf Messers Schneide; Diogenes Verlag)

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