Das Leben leben Was war, was weiss ich noch, was ist das Resultat?

Vor kurzem habe ich mal wieder das Buch „Ein Tag im Jahr“ von Christa Wolf zur Hand genommen. Immer wieder mal lese ich darin. Von 1960 bis 2000 wird ein Tag im Jahr, immer der 27.09., beschrieben (die Fortsetzung: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011).

Buchcover "Ein Tag im Jahr"

Beginnend mit dem Jahr 1960 und endend mit 2000 hält sie in sieben bis dreissig Seiten umfassenden Eintragungen ihren 27. 9. fest: Aufwachen, frühstücken, schreiben. Was sie denkt, was sie tut, was sie umtreibt. Wie’s den Kindern, Enkelkindern und der Eheliebe geht. Wie’s ums Land steht und um die Welt, ums Fernsehen und die Presse. Privates mischt sich mit Politischem, Träume treffen auf die Literatur, Alltagskram auf selten schöne Natur- und Wetterbilder, Leichtes auf Schweres, Belangloses auf Existenzielles. 41-mal beschreibt Christa Wolf, was an einem Tag ihr zufiel – und natürlich wurde aus der Folge dieser Zufälle eine allen Zufall übersteigende andere Art der Autobiografie.

(aus: NZZ)

Christa Wolf schreibt dazu im einleitenden Text:

„Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitg entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens. So setzt sich Leben aus unzähligen solcher mikroskopischen Zeit-Stücke zusammen? Merkwürdig aber, daß man es nicht ertappen kann.“ (Christa Wolf, Ein Tag im Jahr 1960 – 2000, Luchterhand 2003, S.5, ISBN 3-630-87149-6).

Ich lese ein Buch, fahre mit dem Fahrrad durch die Gegend, esse etwas, rufe einen Freund an, gehe auf Toilette, gehe mit meiner Frau spazieren, arbeite 8 Stunden – diese 8 Stunden unterteilen sich in viele kleine Erlebnisse -, sehe Fern, höre Radio, schlafe, liege wach im Bett, gehe in den Garten und schneide und zupfe an der ein oder anderen Pflanze, gehe Schwimmen, schreibe einen Brief oder eine EMail, gehe ins Kino, fahre in Urlaub und mache dort …., und so weiter und so fort. Alles verbraucht meine Lebenszeit, das Wenigste davon ist geplant, bewußt auf ein erfülltes Leben ausgerichtet. Welche dieser unendlich vielen Ereignisse bleiben im Gedächtnis und führen letztlich zu dem Ergebnis, dass mein Leben ein gutes war? Fotos helfen bei der Erinnerung, auch Musik und Gerüche, alte Kleidungstücke, sofern sie nicht in die Kleidersammlung gegangen sind. Die meisten dieser Lebensmomente sind aber weg, verschwunden mit der Zeit. Sie müssen aber auch nicht alle erinnerbar sein.
Alles genau aufschreiben ist auch keine Lösung, denn dann macht das Aufschreiben irgendwann den Hauptteil des Lebens aus. Unser Gedächtnis selektiert, und jedes auf seine Weise. Und so kommt es, das selbst gemeinsam gelebte Leben in der Erinnerung unterschiedlich bewahrt werden.
Sollte man Momente des Lebens als Wegmarken festhalten, als ‚Meilensteine‘ – aber ist die Bewertung in diesem Moment haltbar und stellen sich möglicherweise später ganz andere Momente als wesentlich heraus, Momente, die ich garnicht als so besonders markiert habe? So wird u.U. der einstmals als „Der schönste Tag in meinem Leben“ apostrophierte Tag irgendwann zum „Schwärzesten Tag in meinem Leben“ – und umgekehrt. Aber es muß garnicht so drastisch sein.

Man kann jeden Abend inne halten und den Tag resümieren. Da kommt Einiges zustande. Dieses Konvolut wird man wahrscheinlich später nie ganz lesen, sondern eher immer mal wieder darin blättern. Ich habe das leider nie gemacht, höchstens mal sporadisch etwas aufgeschrieben. Fotos sind noch viele da. Ich werde mir daraus mal ein Bild zusammenfügen.

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mm Verfasst von:

Siehe ⇒ Etwas zu HF

4 Comments

  1. 13. Februar 2018
    Reply

    Das ist ein wunderbarer Beitrag, Hans. Und eine tolle Buchempfehlung. Ich hatte dieses Werk von Christa Wolf längst nicht mehr auf dem Schirm. Nun wird es Eingang bei mir finden.

    Ich lasse mir gerade eigens leere Bücher binden, in denen ich meine Wegmarken des Lebens sammeln kann: Sofortbilder (ich habe begonnen, kleine Details meines Lebens mit Sofortbildern zu dokumentieren), Eintrittskarten, Notizen, Gedanken… Zettel. Alles, was in Summe „das/mein Leben“ ausmacht und wert ist (oder manchmal auch eben nicht) bewahrt zu werden.
    Ich mag den Gedanken, dass so eine Erinnerung entsteht. Für mich und später mal auch für andere.

    • mm
      HF
      13. Februar 2018
      Reply

      Das mit den leeren Büchern ist ein guter Tipp, Werner! Muss ich mal drüber nachdenken, könnte etwas für mich sein.
      Gruß, HF

  2. 14. Februar 2018
    Reply

    Ein erfülltes Leben zu leben, ist für viele von uns ein Ziel, das wir wahrscheinlich jeden Tag unbewußt, mal bewußt verfolgen. Leider sind viele Tage nur „gefüllt“ und nicht so „erfüllt“, wie wir es gerne hätten. Jeden Abend ein bißchen innehalten und den vergehenden Tag Revue passieren zu lassen, wie Du geschrieben hast, das würde vielleicht noch mehr helfen, das Wesentliche, das man erlebt hat, zu behalten. Und das ist ja das, was einen erfüllten Tag ausmacht. Nachdenkliche und inspirierende Zeilen. Danke dafür und für den Buchtipp.

    • mm
      HF
      15. Februar 2018
      Reply

      Guten Tag Bernd, und danke für Deine Anmerkungen!

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