FotografieLeben

Erinnerungen, die keiner mehr braucht Man sollte es sich nicht zu leicht machen

Jeder hat Erinnerungen, ob er will oder nicht; keine Erinnerungen zu haben heisst Amnesie und ist eine Störung. Manche Erinnerungen hätte ich lieber nicht, aber sie sind halt da. Die Erinnerungen, die ich noch nicht habe, nenne ich Träume. Vielleicht werden es noch Erinnerungen. Aber Träume sind auch schön.
Neulich habe ich gelesen, das jemand seinen Dachboden aufräumte und Vieles was er dort fand, in den Müll warf – mit dem Kommentar: „Das sind Erinnerungen, die keiner mehr braucht.“ Aber so einfach ist das dann doch nicht (vielleicht war es aber auch nur so dahin geschrieben).

Sachen sind keine Erinnerungen, auch Fotografien sind keine Erinnerungen. Wer sich z.B. nicht an eine Feier erinnern kann, weil er stockbesoffen war, dem helfen auch keine Fotografien weiter. Und selbst wenn ich eine Situation bewußt erlebt habe, so muß das nicht zu einer Erinnerung führen. Ich bin immer wieder erstaunt, was ich alles erlebt haben soll, wenn im Kreise alter Freunde und Schulkameraden nostalgiert wird. Muß aber nicht an mir liegen; es gibt auch Erinnerungen an etwas, das sich so wie erinnert nie ereignet hat.

Sachen, auch Fotografien, können Erinnerungen auffrischen, sie wieder lebendiger machen. Für die meisten Fotografien ist das der einzige Daseinszweck und das ist gut so. In der Zeit vor der Fotografie wurden Erinnerungen aufgezeichnet, niedergeschrieben, als Denkmal in Stein gemeißelt oder Metall gegossen. Und davor wurden Erinnerungen nur im Kopf gespeichert und mündlich weiter gegeben. Das schulte die Sprache, denn um die Erinnerung für Andere lebendig zu machen, musste man sie umfassend beschreiben. Heute zeige ich Fotografien von z.B. einer Hochzeit und das Kleid der Braut muß ich nicht beschreiben, das ist zu sehen. Bilder im Kopf entstehen dabei aber nicht mehr; die entstehen nur, wenn ich etwas beschrieben bekomme, aber nicht sehe. Ich stelle mir vor, ich würde Reiseerlebnisse nach Rückkehr zu Haus ohne Fotografien so beschreiben müssen, das auch die Daheimgebliebenen sich ein Bild davon im Kopf machen können. Sollte ich mal wieder probieren – aber wer will mir so lange zu hören?

Zurück zur Überschrift. Erinnerungen, die keiner mehr braucht, gibt es sicher. Aber sie verschwinden nicht, wenn ich Sachen/Fotografien vernichte. Und wenn an Etwas Erinnerungen hängen, dann sollte man es aufbewahren und diese Erinnerungen immer mal wieder auffrischen. Ohne diese Erinnerungen wären wir nicht das, was wir sind.

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